Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und Vertreter des Fachpersonals sprechen mit Thüringer Gesundheitsministerin Katharina Schenk
Die Gemeinschaft der Heilberufe in Thüringen warnt eindringlich vor den Folgen des von der Bundesregierung geplanten Gesetzes zur Stabilisierung der Beiträge in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Nach Einschätzung der Heilberufe gefährdet der Gesetzentwurf die ambulante Gesundheitsversorgung insbesondere im ländlichen Raum und verschärft bestehende Engpässe weiter.
Ihre massive Kritik machten Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Apotheker und medizinische Fachberufe auch in einem Gespräch mit Thüringens Gesundheitsministerin Katharina Schenk am 18. Mai 2026 deutlich. Bereits zuvor hatten die Vertreter der Heilberufe in einem Offenen Brief alle Thüringer Bundestagsabgeordneten, Mitglieder des Sozialausschusses im Landtag sowie die Vertreter Thüringens im Bundesrat aufgefordert, sich für eine grundlegende Überarbeitung des Gesetzentwurfes einzusetzen.
Gesundheitsministerin Schenk teilt die Bedenken und sichert ihre Unterstützung im weiteren Gesetzgebungsverfahren zu. Entsprechende Änderungsanträge auf Basis der Rückmeldungen wurden bereits in den Bundesrat eingebracht.
Widerspruch zu gesundheitspolitischen Zielen in Bund und Land
Die Thüringer Heilberufe kritisieren, dass das geplante Gesetz die Gesundheitsversorgung an finanziellen Grenzen statt am medizinischen Bedarf der Patienten ausrichtet. Die Folgen für Patienten wären längere Wege, erschwerte Terminvergaben und längere Wartezeiten. Ein schlechterer Zugang zu dringend notwendigen Behandlungen wäre im Flächenland Thüringen mit seiner alternden Bevölkerung besonders dramatisch.
Damit steht das Gesetz im Widerspruch zum Ziel eines „20-Minuten-Landes“, mit dem die Thüringer Landesregierung die wohnortnahe medizinische Versorgung sichern will. Während die Politik in Bund und Land seit Jahren von einer sinnvollen Stärkung der ambulanten Versorgung und mehr Prävention spricht, entzieht das geplante Gesetz den dafür nötigen Strukturen die finanziellen Grundlagen.
Ambulante Versorgung ist effizienteste Säule des Gesundheitssystems
Die ambulante Versorgung ist das Fundament des Gesundheitssystems. Ärzte, Psychotherapeuten, Zahnärzte und Apotheker mit ihren Teams sichern die wohnortnahe Versorgung der Thüringer Bevölkerung in mehreren Millionen Behandlungsfällen jährlich. Zusätzlich leisten sie Not- und Bereitschaftsdienste in allen Regionen Thüringens rund um die Uhr.
Dennoch ist die ambulante Medizin kein Kostentreiber: Mit weniger als einem Viertel der Gesamtausgaben der GKV versorgt sie etwa 97 Prozent aller Behandlungsfälle. Die ambulante Versorgung ist damit nicht das Problem des deutschen Gesundheitssystems, sondern seine effizienteste Säule. Die Gemeinschaft der Heilberufe sieht deshalb einen grundlegenden Widerspruch darin, ausgerechnet diesen Bereich weiter finanziell zu begrenzen.
Geplante Eingriffe verschärfen bestehende Probleme
In der ärztlichen Versorgung sind unter anderem die Begrenzung der Vergütungsentwicklung, der Wegfall von Honoraren für zusätzliche und kurzfristige Termine sowie die Deckelung bislang nicht budgetierter Leistungen vorgesehen. Besonders davon betroffen wären Fachrichtungen mit vielen Akutbehandlungen, zum Beispiel die hausärztliche Versorgung und die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
Sven Auerswald,
Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen:
„Dieses Gesetz sendet das völlig falsche Signal an die ambulante Versorgung. Während Politik und Krankenkassen seit Jahren fordern, mehr Behandlungen aus den Krankenhäusern in den ambulanten Bereich zu verlagern, sollen nun ausgerechnet dort Leistungen gedeckelt und zusätzliche Termine finanziell entwertet werden.
Wer Versorgung sichern will, darf diejenigen Praxen nicht bestrafen, die heute schon an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Das gefährdet
insbesondere die Versorgung im ländlichen Thüringen.“
Massive Einschnitte in kieferorthopädische Versorgung
In der Zahnmedizin sieht das Gesetz vor, dass kieferorthopädische Leistungen bei gesetzlich versicherten Patienten künftig nur noch von Fachzahnärzten erbracht werden dürfen. Derzeit versorgen in Thüringen rund 90 Praxen ohne Fachzahnarzt-Titel für Kieferorthopädie etwa 11.300 Kinder und Jugendliche. Diese Behandlungskapazitäten würden mit der geplanten Regelung ersatzlos wegfallen.
Dr. Knut Karst,
Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Thüringen:
„Bereits heute ist die kieferorthopädische Versorgung in weiten Teilen Thüringens sehr angespannt. Der Landkreis Sonneberg hat schon jetzt keinen einzigen Kieferorthopäden. Mit dem neuen Gesetz würde auch das Eichsfeld in eine Nullversorgung fallen, weitere sieben Kreise würden in eine Unterversorgung abrutschen.
Wenn eine kieferorthopädische Behandlung nur noch dort möglich ist, wo genügend Fachzahnärzte ansässig sind, entscheidet künftig der Wohnort über den Zugang zur medizinischen Versorgung. Das ist eine ethisch absolut unverantwortliche Rationierung der medizinischen Versorgung unserer Kinder.“
Apotheken wirtschaftlich stärker unter Druck
Für die Apotheken bedeutet die vorgesehene Erhöhung des Apothekenabschlags eine dauerhafte Honorarkürzung. Gleichzeitig werden zusätzliche Aufgaben und finanzielle Risiken – etwa durch höhere Medikamentenzuzahlungen – auf die Apotheken verlagert.
Bereits heute können rund 33 Prozent der noch 473 Apotheken in Thüringen nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden. Die Thüringer Apothekerschaft sieht darin einen grundlegenden Widerspruch zum Koalitionsvertrag, der eine konkrete wirtschaftliche Stärkung der Apotheken zugesagt hatte.
Stefan Fink,
Vorsitzender des Thüringer Apothekerverbandes e.V.
und
Ronald Schreiber,
Präsident der Landesapothekerkammer Thüringen:
„Belastungen werden jetzt verbindlich beschlossen, die versprochene Stärkung der Apotheken bleibt dagegen weiter unverbindlich angekündigt – das ist ein klarer Wortbruch. Dabei sichern die Vor-Ort-Apotheken jeden Tag, rund um die Uhr, die schnelle und wohnortnahe Arzneimittelversorgung der Menschen.
Wird ihre wirtschaftliche Grundlage weiter geschwächt, drohen insbesondere im ländlichen Raum längere Wege, weniger persönliche Beratung und Versorgungslücken. Gleichzeitig gehen wichtige Potenziale verloren, die Apotheken künftig zusätzlich in Prävention, Primärversorgung und Arzneimitteltherapiesicherheit übernehmen könnten.“
Auch die medizinischen Fachberufe (wie Medizinische Fachangestellte und Zahnmedizinische Fachangestellte), die die ambulante Gesundheitsversorgung maßgeblich mittragen, sind von der Sparpolitik unmittelbar betroffen.
Marie Holtzsch,
Vorsitzende des Landesverbandes Mitte-Ost des Verbandes medizinischer Fachberufe e.V.:
„Begrenzte finanzielle Spielräume in den Praxen führen zu steigender Arbeitsbelastung, unbesetzten Stellen und einer sinkenden Attraktivität der Berufe. Der Fachkräftemangel verschärft sich weiter – mit direkten Folgen für die Versorgung: Termine werden knapper, Wartezeiten länger und die Zeit für die individuelle Betreuung geringer.“
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